Predigt 5 - "Der Mensch" (Markus 9, 14-29)

S. Hofschlaeger / pixelio.de
S. Hofschlaeger / pixelio.de

 

Mensch: Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt, weil er schönt und schwärmt, er wärmt, wenn er erzählt, weil er lacht, weil er lebt;

 

der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt, weil er lacht, weil er lebt;

 

der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt, weil er schwärmt und glaubt, sich anlehnt und vertraut, weil er lacht, weil er lebt;

 

der Mensch heißt Mensch, weil er erinnert, weil er kämpft, weil er schwärmt und liebt, weil er mitfühlt und vergibt, weil er lacht, weil er lebt...

 

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

seit einigen Wochen ist dieses Lied von Herbert Grönemeyer in den Hitlisten ganz oben: Mensch. In einzigartiger Weise charakterisiert Grönemeyer den Menschen, mit seinen unterschiedlichen Schattierungen, Wünschen, Eigenschaften, Bedürfnissen, Verirrungen. Der Mensch, ein genial ausgestattetes Wesen, keiner gleicht auf der Erde dem anderen, genial und doch nicht vollkommen. Der Mensch lacht, liebt, weint, verrät, handelt, tötet, heilt, tröstet, verspottet, vergibt, geht, zweifelt, hadert, glaubt, spendet, sucht, schlägt, streichelt, gibt, nimmt, kommt...

 

Der Mensch schaut auf sich, schaut auf andere, schaut auf Gott? Der Mensch reift und wird geprägt. Der Mensch ist eingebunden in seine Umgebung – er wird sozialisiert – ob er will, oder nicht. Mit dem Geborenwerden in diese Welt geht ein Stück weit von der Reinheit verloren, wir sind und werden verwoben mit dem, was uns umgibt, mit dem Guten, auch mit dem Bösen. Wir sind Gefangene und doch auch Befreite. Wir suchen, aber wir finden auch. Alles ist bruchstückhaft, alles ist nur ein Teil des Ganzen. Nichts ist vollkommen.

 

Auch am Wahlsonntag der bedeutendsten Wahl, der Bundestagswahl, steht der Mensch, einzelne und Gruppen von Menschen im Mittelpunkt und Blickfeld. Seit Wochen werden durch Wahlsendungen, Wahlpropaganda, TV-Duelle der fähigste Kanzler und die fähigsten Menschen für die Parteien gesucht. Nach allen Schattierungen wird abgewägt, beurteilt, bewertet, um unser Land in Zukunft in die „richtige“ Richtung zu schicken. Doch in allem stehen große Zweifel und Fragezeichen im Raum, weil der Mensch in dieser Weise nicht einordbar und vollkommen ist.

 

Was ist der Mensch, wie kann er gelingend seinen Weg auf Erden gehen? Schwebt er im luftleeren Raum, weil doch nur alles relativierbar ist?

 

In unserer Geschichte aus dem Markusevangelium, die wir bedenken wollen, geht es auch um eine Vielzahl von beteiligten Menschen, ebenso wie wir hier einst auf Erden lebend. Wir hören auf Markus 9, 14-29:

 

Und Jesus und einige seiner Jünger kamen zu den anderen Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten.

Und sobald die Menge ihn sah, entsetzen sich alle, liefen herbei und grüßten ihn.

Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen? Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.

Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr.  Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten`s nicht.

Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!

Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn.

Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.

Und Jesus frage seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.

Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!

Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!

Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: Er ist tot.

Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

Und als er heimkam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.

 

Jesus hatte drei seiner Jünger genommen und war mit diesen auf einen Berg gestiegen. Dort hatten sie solch ein tolles Erlebnis mit Gott gehabt, dass sie gar nicht mehr vom Berg herunter wollten. Doch auch der schönste Höhepunkt hat einmal ein Ende. Sie kommen herunter in das Grau der Ebene und schon sind sie mitten in den Problemen.

 

„Weshalb können wir nicht helfen?“ – die Jünger Jesu schütteln den Kopf. „Eigentlich haben wir das doch von Jesus gelernt, warum können wir diesem Jungen nicht helfen? Wieso funktioniert es nicht?“

 

So haben hier sicher die Jünger gedacht, als sie mit ihrer Hilflosigkeit in die enttäuschten Gesichter der Menschenmenge blickten.

 

Im Geist gingen die Jünger nochmals alle bisherigen Heilungen und Dämonenaustreibungen durch. Sie hatten die richtigen Worte gewählt, nichts vergessen, aber diesmal geschah nichts.

 

Der Vater des Jungen war am Boden zerstört. Sein Sohn war von irgendetwas besessen, was man nicht genau einordnen kann, ein böser Geist, ein Dämon, eine Krankheit. Und niemand konnte ihn heilen. Fürchterliche Ausbrüche waren die Folge. Keiner wollte den Jungen bei sich haben. Ebenso waren die Jünger am Boden zerstört, weil sie auch nicht helfen konnten. Sie wollten helfen.

 

In einer Autowerkstatt in Ludwigsburg sah ich neulich einen Spruch hängen: „Und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: „Sei froh und lächle, es könnte schlimmer kommen. – Und ich war froh und lächelte, und es kam schlimmer“. So muss es den Jüngern ergangen sein. Die Schriftgelehrten kamen dazu und brachten theologische Argumente. Immer kleiner wurden da die Jünger.

 

Geht es uns nicht auch oft so wie den Jüngern? Oftmals werden wir mit Situationen konfrontiert, in denen wir nur ohnmächtig dastehen können, so sehr wir es auch versuchen, oftmals verändert sich nichts. Und oftmals hören wir auch die Aussage: „Du bist doch Christ, ich denk, ihr habt da so viele Möglichkeiten.“ So können wir uns in die Jünger gut hineinversetzen. Sie meinen es gut. Sie geben ihr bestes. Aber es ändert sich nichts – sie können nichts ausrichten.

 

Es gibt viele Beispiele zu erzählen, wo wir für einen kranken Menschen gebetet haben – und er ist nicht gesund geworden. Er wurde nicht gesünder – im Gegenteil. Und es gibt auch die andere Seite, andere Beispiele. Da haben wir gebetet und Jesus hat in wundersamer Weise Heilung geschenkt. Beides ist da, oftmals stehen die tragischen Beispiele jedoch verstärkt auf unserem Lebensweg, passiv oder aktiv beteiligt.

 

Aber: Woran liegt es? Liegt es an den Jüngern? Am Vater? An der Besonderheit der Situation? An dem Jungen?

 

Die Jünger sind zuvor mit Jesus auf dem Berg. Jesus und seine drei Begleiter erleben ein Wechselbad der Gefühle. Sie waren noch ganz ergriffen von dem genialen Erlebnis mit Jesus. Grad eben haben sie noch Mose und Elia gesehen – und jetzt werden sie mit so etwas konfrontiert. Sie sind wieder mitten in den Problemlagen menschlichen Alltags.

 

Sicherlich verspürten die Jünger Erleichterung, als sie Jesus sahen. Sie waren sicher beschämt, dass sie es nicht geschafft hatten, den Jungen zu heilen. Noch bevor sie zu Erklärungen ansetzen konnten, wendet sich der Vater in seiner Not sogleich an Jesus. Sein letzter Satz wirkte wie ein Messerstich im Herzen der Jünger:

 

„Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht!“

 

Die Antwort Jesus war der nächste Messerstich:

 

„O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen?“

 

Wir – das ungläubige Geschlecht! Rechnen wir mit den Wundern Gottes noch heute? In unserer zivilisierten, berechnenden westlichen Welt? Alles ist erklärbar geworden – berechenbar, einkalkulierbar – erleben wir noch die Wunder Gottes?

 

Missionare berichten von wundersamen Heilungen, Dämonenaustreibungen etc., aber sie erleben sie in anderen Kulturen, in Kulturen, in denen ganz anders damit umgegangen wird als bei uns. Unsere Gedanken- u. Vorstellungswelt ist so sehr geprägt von einer messbaren und erklärbaren Welt, dass wir kaum Platz für das nicht messbare und unerklärliche Wirken Gottes haben.

 

Aber die Zeiten ändern sich. In Zeiten der Naturgewalten, wie wir sie jetzt insbesondere in Ostdeutschland bei der Flutkatastrophe erlebt haben, werden die Menschen wieder sensibler auf die Zwischentöne des Lebens, ja auf die Zwischentöne Gottes. Der Mensch mit seinen unterschiedlichen Prägungen erkennt, dass er es letztendlich nicht in der Hand hat, dass er auf etwas angewiesen ist, dass über ihm steht und an dem er sich ausrichten und orientieren kann. Gott ruft nach wie vor zur Umkehr – noch ist es nicht zu spät. Wie viele werden diese Zwischentöne hören? Die Menschen ahnen zunächst nur, dass es mehr geben muss, als das, was wir erklären können – mit unserem kleinen Verstand – gemessen an der Größe Gottes. Wollen wir Gottes Handeln erfahren, müssen wir die Brille, durch die wir diese Welt sehen, wechseln. Wir müssen immer mehr lernen, sensibel zu werden und unsere eingefahrenen Sichtweisen und Vorstellungen anhand der Bibel und ihrer Welt zu korrigieren.

 

Für Jesus ist es möglich zu heilen. Und die Bibel bezeugt, dass das nicht nur ein Privileg Jesu ist. Von Stephanus in Apg. 6,8 heißt es z.B., dass er große Dinge tut.

 

Wie geht es mit dem besessenen Jungen weiter? Der Vater klammert sich an Jesus: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns“ – von IHM erwartet er alle Hilfe. Zuvor ist er an die Jünger herangetreten, aber sie haben „nicht gekonnt!“ Er berichtet völlig enttäuscht Jesus: „...und sie konnten’s nicht!“

 

In diesem „Können“ liegt der Fehler des Vaters. Die Jünger fallen darauf herein. Jesus’ Antwort macht es deutlich: „Du sagst: Wenn Du kannst alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“

 

Ein folgenschwerer Irrtum: Ritual statt Beziehung. Es geht nicht um das „Können“. Jesus wehrt sich dagegen, einer zu sein, der etwas kann. Er will nicht funktionieren – er möchte in Beziehung treten, in Beziehung zu uns kommen! Es geht nicht um das Können, es geht um das Glauben. Es geht nicht darum, dass die Jünger in ihrem Ritual, in ihrem formalen Handeln etwas falsch gemacht haben. Es geht darum, aus welcher Kraft heraus sie ihr Handeln gelebt haben. Sie können es nicht aus eigener Kraft, weil vielleicht der ein oder andere das Können von ihnen erwartet. Es kann nur aus der Kraft Gottes geschehen.

 

Es gilt für uns: „Im Namen Jesu.“ Mit seiner Kraft können wir alles tun. Entscheidend dabei ist der Glaube, das Vertrauen auf IHN. Das Vertrauen, das auf alle eigene Kraft verzichtet, sich selbst nicht wichtig nimmt und in den Hintergrund tritt, damit ER groß werden kann und sein Wirken Raum gewinnt. Es ist das Vertrauen, dass ein Petrus hatte, als er mitten im Sturm das Boot bestieg, um auf dem Wasser Jesus entgegenzugehen. Als er herunterschaut und sich wieder auf sich selbst verlassen will, geht er unter. Der Blickwinkel ist das Entscheidende. Einen Blick aus Jesu Perspektive auf uns und die Probleme.

 

Jesus macht deutlich: Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt. In Kapitel 11, 23 und 24 sagt Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spräche: Heb dich und wirf dich ins Meer! und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, dass geschehen werde, was er sagt, so wird’s ihm geschehen. Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch zuteilwerden.

 

Diese Worte sitzen.

 

Die Antwort des Vaters ist grundehrlich. So könnten wir auch geantwortet haben: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Man könnte denken, der Vater sagt: Ja, ich glaube ja – und im nächsten Moment bekommt er Zweifel, ob er denn auch „genug“ glaube und dieser ausreiche. Aber in diesem Moment handelt er richtig: Er bittet Jesus um Hilfe: „Ich kann nicht glauben – hilf meinem Unglauben.“

 

Und das großartige: Jesus kann seinen Sohn heilen.

 

Jesus nimmt sich der Schwachen an, uns Schwache mit unserem Unglauben. Jesus leidet am Unglauben des Menschen, er setzt immer und immer wieder alles daran, dass wir unseren Unglauben aufgeben und ganz auf ihn setzen, unser ganzes Vertrauen auf ihn setzen, damit uns die ganze Fülle zuteil werden kann.

 

Der Junge macht einen schweren Kampf durch, bis er wirklich geheilt ist. Er wälzt sich auf dem Boden, bis alle denken, er wäre tot. Sicher hätten wir in diesem Moment unseren Glauben bereits wieder über Bord geworfen und unsere Zweifel hätten gewonnen: Also, hat es doch nicht funktioniert, ihm kann nicht geholfen werden.

 

Wie so oft im christlichen Glauben steht hier jedoch das „Dennoch“ im Mittelpunkt. Jesus nimmt schließlich den Jungen bei der Hand und richtet ihn auf – und, er ist befreit.

 

Die Jünger lässt das natürlich nicht zur Ruhe kommen. Weshalb hat es bei Jesus funktioniert und bei ihnen nicht, wo sie doch in der Schule Jesu waren? „Warum konnten wir nicht helfen?“

 

Jesus antwortet: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.“ Sie werden wieder auf die Beziehung hingewiesen. Auf die alles entscheidende Beziehung zu Christus. Es ist nicht das Können der Jünger. Es geht auch nicht um das falsche Handeln oder die Technik. Es geht einzig und allein um den Glauben. Um das kindliche Vertrauen zu Gott.

 

Was ist der Mensch, der verdrängt und vergibt? Was ist der Mensch, der schönt und schwärmt? Was ist der Mensch, der lacht und lebt? Was ist der Mensch, der mitfühlt und vergibt? Was ist der Mensch, der sich anlehnt und vertraut? Was ist der Mensch, der erinnert und kämpft?

 

Ohne das Vertrauen zu Christus schwebt der Mensch im luftleeren Raum, ohne das Vertrauen zu Christus ist der Mensch ohne Sinn. Ohne das Vertrauen zu Christus kann ihm das Leben nicht gelingen.

 

Gott erfahren und in einer Beziehung zu ihm leben, sich im Vertrauen an Christus wenden. So können wir beten, und so kann’s dem Mensch gelingen. Alles ist möglich, wenn Du IHM vertraust.

 

Der Mensch heißt Mensch, weil’s ihm nur mit Christus wirklich gelingt. Beziehung statt Ritual, Vertrauen statt Können. Der Mensch – mit Christus.

AMEN.