Predigt 4 - "Heil werden" - Gen. 50, 15-21

Liebe Schwestern und Brüder,

(können Sie sich vorstellen, wo das ist?) In Anbetracht dessen, dass ich ursprünglich aus Norddeutschland komme und es mich nun hier beruflich ins Schwabenländle verschlagen hat, bin ich unter Schwaben nur ein „Reingeschmäckter“ – so würde man doch sagen, oder?! Aber beeindruckt war ich damals, als ich zum ersten Mal während eines Gottesdienstes im Grünen vor den Toren Stuttgarts diesen großen, heute bewachsenen Hügel sah, den die Schwaben liebevoll Scherbelino bzw. Birkenkopf nennen. Auf diesen Hügel haben die Bewohner der Stadt nach dem zweiten Weltkrieg die Trümmer und Scherben gebracht, um die Stadt wieder neu aufbauen zu können. In Wagen und Karren fuhr man damals den Schutt auf einen Hügel, damit der Wiederaufbau beginnen konnte.

Ich habe mir so gedacht, so einen Hügel bräuchten wir auch für unser Leben, wohin man die Trümmer und Scherben bringen und dann neu anfangen könnte. Sicher dachten das damals auch die Brüder Josefs, als sie ihm nach dem Tod ihres Vaters gegenübertraten – denn nachdem sie Josef vor 17 Jahren einmal ermorden wollten, lag große Schuld auf ihnen. Unvergebene Schuld vergeht nicht. Je länger sie zurückliegt, umso schwerer fällt es, sie sich vergeben zu lassen.
Wir hören auf Genesis 50, 15-21

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.

Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.

Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt?

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

In dreierlei Form wollen wir diese Verse bedenken:

1.    Gott lässt aus Unheil Heil werden – damals

2.    Gott lässt aus Unheil Heil werden – heute

3.    Gott lässt aus Unheil Heil werden – auch zukünftig

Zunächst: Gott lässt aus Unheil Heil werden - damals: Ich kann die Brüder gut verstehen, dass sie Angst vor Josef hatten, jetzt nach dem Tod des Vaters. Die Brüder merkten auf einmal, dass sie in einer „vaterlosen Zeit“ lebten. Der Vater hatte die ständige Verbindung zum Gott der Väter. Der Vater konnte mit IHM sprechen und ER mit dem Vater. Das gab Geborgenheit. Der Vater war ihnen das Dach, das sie nach oben und gegen außen schützt. Eine andere Gottesbeziehung kannten sie nicht. Die Gotteserfahrungen ihres Bruders Josef waren ihnen fremd. Ihr Glaube hatte immer aus zweiter Hand gelebt, war nie ihr Eigentum geworden. Statt in der Befreiung vom Vater Neues zu wagen, sahen sie nur zurück. Der dunkle Fleck war in ihrem Leben immer Josef gewesen. Zurückschauend fragen sie sich: Kann er uns wirklich vergeben haben? Was hält ihn davon ab, endlich uns heimzuzahlen, was wir von früher Kindheit an ihn haben spüren lassen? Und dann der Verkauf an die fahrenden Händler! Josef, der so hoch gestiegen war, muss doch den Glauben der Väter längst überwunden haben. Sie treten nicht selber vor Josef. Sie halten sich bedeckt und lassen ihm ein Wort des Vaters ausrichten, das sie sich ausgedacht hatten. Sie übersehen, dass Josef beim Sterben des Vaters unter ihnen war. Die Vaterlosigkeit ist ihr Schicksal, trotzdem lassen sie dem Bruder sagen, wie hoch sie über ihm stehen. Sie geben sich den Titel „Diener Gottes“. Darum soll Josef ihnen vergeben, was sie nicht vergessen können.

Selbst Josef kann die Angst, die die Familie zerrüttet, nicht einfach wegwischen. Zutiefst ist er getroffen von der Glaubenslosigkeit seiner Brüder. Er bricht in Tränen aus, weil ihr böses Tun sie wieder fest im Griff hat und die Familie zerstört. In seinen Tränen ahnen wir den Schmerz Gottes über alle menschliche Vaterlosigkeit, die sich in der Verunsicherung über die Vergebung aller Sünden manifestiert. Zweimal muss er ihnen zurufen: „Fürchtet Euch nicht!“ Damit die Angst ihre Macht verliert und die Familie nicht völlig zerstört wird, ruft er ihnen in Erinnerung: „Ja, ihr hattet Böses im Sinn!“ Das Böse, das jetzt so drohend über ihnen steht, wird auf seinen Entstehungsort zurückgeführt, auf ihr Sinnen, auf ihr Herz. Von dort ist die gefährliche Lawine losgebrochen, die alles unter sich begräbt. Doch diese notwendige Aufklärung ist umschlossen von den viel höheren Gedanken Gottes: „Aber Gott!“ Und nun spricht Josef von seiner Gotteserfahrung, von seinem neuen Weg in die vaterlose Zeit hinein, von seiner Freiheit aus der Vergebung: „Gott macht alles gut! Er rettet durch mich nicht nur das große Volk der Ägypter, sondern auch euch und eure Familien!“ Darum gilt: „Halte für deine eigentliche, deine unüberwindliche Kraft das Wort von der Vergebung aller deiner Sünden.“

2. Gott lässt aus Unheil Heil werden - heute

Die Sehnsüchte gerade junger Menschen können uns heute deutlich machen, was es heißt, unter dem brutalen Diktat einer vaterlosen Gesellschaft leben zu müssen. Der Freiheitsrausch ist längst umgeschlagen in eine Beliebigkeit, die Angst macht, weil zu viele Unsicherheiten damit verbunden sind. Viele suchen nach Orientierung und finden sie nicht, weil sie sich an kurzlebigen Dingen festhalten, an Modetrends, an Modeideologien, an diesem und jenem, was einen kurzfristigen Kick verspricht. Morgen gilt schon wieder etwas Neues, was ist aus dem geworden, an dem ich mich noch gestern festhielt und was ich noch gestern für den guten Weg hielt, der mir Erfüllung versprach?

Die Brüder in unserer Geschichte waren wieder versöhnt. Sie konnten miteinander über ihre Vergangenheit reden. Sie brauchten nicht mehr die Autorität des Vaters als Mittler, um ins Gespräch zu kommen. Sie waren mündig und erwachsen geworden, hatten endlich die Rolle der Söhne gegen die der Väter getauscht, die ihnen als Väter von Kindern schon lange zukam. Friede war eingekehrt, Freiheit von Angst und Furcht. „Ich will euch und eure Kinder versorgen“, sagte Josef.

Und er tröstete seine Brüder und redete freundlich mit ihnen, wie es am Ende heißt. So wurde die von Gott erfahrene Liebe in der Liebe zum Menschen sichtbar. Gott hatte gewendet, was Menschen – teils aus Zwang der Verhältnisse, teils aus eigener Schuld – auf den Weg gebracht hatten. Gott hatte aus Unheil Heil werden lassen. Und so konnten die Betroffenen im Nachhinein diese Geschichte als eine heilsame Geschichte, als eine Heilsgeschichte, deuten.

Es gibt viele Beispiele, in denen Gott aus Schuld und ausweglosen Situationen etwas Gutes macht: Da wurde von irgendeiner losen Zunge ein Gerücht verbreitet: Man hätte dies oder das getan, dieses und jenes gesagt, dies und das wäre vorgefallen... Natürlich weiß das Gerücht überhaupt nichts Genaues, keinerlei Vorgeschichte oder was wirklich geschehen ist. Nur eben die angebliche Schandtat, die Sensation wird verstreut, so wie der Bauer den Mist über das Land streut. Und dann - um in diesem Bild zu bleiben - bringt der Mist eben doch Segen! Aber nicht gleich. Erst muss einmal so manche schlaflose Nacht bestanden und viele Fragen nach dem eigentlichen Hintergrund der Sache beantwortet werden. Und schließlich, wenn man dann vielleicht ganz unten ist über das ungerechtfertigte Geschwätz und die Bosheit mancher Leute - dann geht die Saat auf; es wächst etwas, auf dem Feld, das so reichlich und so schmerzlich gedüngt worden ist. Und man kann nur schauen, sich wundern, und dankbar staunen, was Gott da inzwischen getan hat. Vielleicht sprechen Menschen uns an: "Ich glaube nicht, was da über Sie erzählt wird." Anrufe stellen sich ein: "Ich wollte Dir nur sagen, dass ich gemein finde, was da über dich im Umlauf ist, und ich weiß, das war bestimmt nicht so." Leute grüßen dich auf der Straße - besonders herzlich - und du fühlst, der oder die will dir Mut machen! Und nach und nach dient dir die Sache, die dich erst so heruntergezogen hat dazu, die Menschen klarer zu sehen und zu erkennen, wo deine Freunde sind und wo die, die es auch noch freut, wenn Verleumdungen die Runde machen. - So ist es schon unzähligen Menschen ergangen.

Und auch das zweite kennen sicher viele hier aus eigener Anschauung: Man wird Opfer einer rechten Gemeinheit, ein böser Streich wird einem gespielt und manche haben ihren Spaß daran. Da fragt man sich dann, ob man das verdient hat, ob da wirklich nur Freude bei der Allgemeinheit aufkommt, wenn sie dir das getan haben?! Und nach einer Weile erfährst du dann: Das war nur einen Moment lang erschrecktes Schweigen der Mehrheit. Nein, das hat dir keiner gegönnt, oder doch nur ganz wenige. Dann erlebst du viele Worte der Solidarität. Menschen die schon jahrelang kein Wort mehr mit dir gewechselt haben, sagen dir etwas, das Mut schenkt. Auch hieraus gehst du am Ende gestärkt hervor. Menschen wollten etwas böse machen, Gott aber hat es gut gemacht.

Das dritte und letzte wären jetzt die vielen hundert Beispiele, die ich selbst aber auch andere haben erleben müssen: Am Anfang ging einem fast die Welt in Scherben, Tränen wurden geweint, gejammert und geklagt... Wir haben den Kopf geschüttelt, zu was Menschen doch fähig sind. Am Ende war da nur noch Lachen und Staunen! Wir haben es erlebt: Gott kann aus Dingen, die ganz schlecht und verfahren sind, noch etwas Herrliches, Schönes, Beglückendes werden lassen. Und noch wichtiger: Er tut das auch - immer wieder, schon in biblischer Zeit und bis heute. Wunderbar handelt Gott an seinen Menschen, an uns, an dir und mir.

3. Gott lässt aus Unheil Heil werden – auch zukünftig

Was wir heute daran lernen und von hier mitnehmen können, ist dies: Gott hat mehr Möglichkeiten, als wir auf den ersten Blick und aufs erste Hören meinen. Er kann aus schwarz weiß und aus böse gut werden lassen. Und noch wichtiger: Er tut das auch immer wieder, heute und auch zukünftig. Das zeigt uns auch das zweite, was wir bewahren wollen: Gott handelt überhaupt an seiner Welt und seinen Menschen! Wir sind nicht abgeschrieben und vergessen bei ihm. Das erkennen wir an eben solchen Beispielen: wie er herumdreht, was schlimm ausgesehen hat. Und wir erkennen es auch immer wieder daran, dass die Bäume des Glücks mancher böser Menschen nicht in den Himmel wachsen. Vielmehr müssen sie - manchmal nach vielen Jahren erst - die Folgen ihres bösen, gottlosen Tuns tragen.

Das andere aber, was uns von heute begleiten möchte: Wenn Gott, wie wir sehen, in seiner Welt handelt und seine Menschen nach geheimem, oft wunderbaren Plan führt und leitet, dann müssen wir uns nicht fürchten, was auch kommen mag! Wir wollen daran denken, wenn wir das nächste Mal ganz unten sind über die üble Nachrede der Leute. Wir wollen uns an all die früheren Beispiele erinnern, die so gut ausgingen, wenn uns die gegenwärtigen Ereignisse zu Boden drücken. Wir wollen uns nicht dazu bringen lassen, an der Güte und Gerechtigkeit Gottes zu zweifeln, wenn zuerst vielleicht auch alles ganz dunkel aussieht. Erst am Ende wollen wir urteilen, ob Gott es nicht doch glücklich hinausgeführt hat.

Am Anfang meines Christseins vor über 10 Jahren lernte ich einen sehr großen und gesegneten Hauskreis in Radolfzell kennen. Der war so groß und hatte solch einen Zulauf, dass man nach und nach mehrere kleine Hauskreise daraus machen musste, dass es nicht zu unpersönlich wurde. Zur der Zeit, als ich dort war, war eine Phase im Hauskreis, wo man sich über einige Wochen von Handeln Gottes im persönlichen Leben erzählte. Es wurde berichtet, dass man oftmals in einer schwierigen Lebenssituation steckte, dass man Sünde begangen hatte, die schwer auf einem lastete oder irgend etwas anderes war, was die persönliche Gottesbeziehung sehr belastete. Aber am Ende stand immer das Gute, im Verlauf der Zeit hatte Gott aus etwas Schwierigen Gutes werden lassen, er hatte es umgewandelt, so dass man darin einen Sinn sehen konnte. Wenn wir Gott einbeziehen, handelt er und verwandelt Situationen, so dass das Gute am Ende steht, was zu Beginn gar nicht so offensichtlich ist. Auch viele Lieder bezeugen, in der Rückschau erkennen wir, dass ER dabei war, dass ER vieles zum Guten verändert und uns sicher geführt hat.

Dieser Satz ist wahr und wunderbar ist immer wieder, dass wir seine Wahrheit erleben dürfen: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen. (wiederholen)

Die Josefserzählung ist eine zutiefst menschliche Geschichte, in ihr begegnen sich Menschen in allem, dessen sie fähig sind: in abgrundtiefem Hass wie liebender Vergebung. Und sie lässt uns erkennen, wie Gottes Handeln in tiefster Weltlichkeit verborgen ist, dass wir – auch wenn wir es nicht wahrnehmen – mitten in Gottes Heilsgeschichte stehen: da, wo uns vergeben wird, da, wo wir vergeben, als Befreite und als Befreiung Überbringende.

Diese Geschichte zeigt uns, dass wir als Menschen ohne Vergebung nicht leben können. Denn mit den Verhältnissen, die nicht so sind, können wir uns nicht entschuldigen, weil diese Verhältnisse immer ein Geflecht von eigener und fremder Verantwortung, von eigener und fremder Schuld sind. Dieses Geflecht gilt es zu erkennen, zu benennen, zu entwirren. Vergebung heißt: den Teufelskreis der Verhältnisse zu durchbrechen. Miteinander neu anzufangen, ernst zu nehmen, dass uns vergeben wird, wie es im Evangelium dieses Sonntags in Lukas 6 heißt:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt werden. Vergebt, so wird euch vergeben.

Aus der Vergebung Gottes leben. Leben in der Gewissheit, dass uns vergeben ist – durch Jesus Christus. Lassen wir den Gedanken tief in uns ein. Leben als Befreite. Was Christus gewirkt hat, war keine bloße Ausbesserung unseres Daseins, sondern darin hat Gott ganz Sache gemacht und es in einen neuen Anfang gestellt. Was da wurde, war größer, als was vorher gewesen. Wenn einer dem Freund sein ganzes Vertrauen gegeben hat und der ihn tief enttäuscht, was geschieht dann? Wahrscheinlich zerbricht alles. Ist ihm aber die Freundschaft so wert, dass er sie unbedingt erhalten will – kann er dann einfach hingehen und sagen: Ich verzeihe dir; lass uns wieder dort anfangen, wo wir aufgehört haben? Das geht nicht, denn keiner von beiden kann das Geschehene vergessen. So tief Verletztes kann man auch nicht ausbessern; auch nicht bei dem, was zwischen den Brüdern und Josef geschah, es muss mehr werden. Im Geschädigten muss die Freundschaft größer werden als das, was ihm angetan worden ist. Er muss eine innere Tiefe erreichen, in der er vorher noch nicht gelebt hat, und seinen Freund dorthin mitnehmen. Von da aus erst kann die wirkliche Vergebung erwachsen. Es ist nicht sicher, dass es gelingt. Die Lauterkeit des Herzens kann sich trüben, so dass ein verborgener Groll bleibt. Kann auch sein, der Andere erkennt das eigene Tun nicht und will Recht behalten. Oder er nimmt die Vergebung nicht an und fühlt sich selbst beleidigt. Gelingt es aber, dann ist etwas geworden, das tiefer ist, als was vorher war und da heraus lebt die künftige Freundschaft. Das wird nicht leicht sein. Stets wird Gefahr sein, dass alles zerbreche, denn in diesen Dingen gibt es nichts Festes und Fertiges. So wird die Vergebung immer wieder erneuert werden müssen; ihre Gabe wie ihre Annahme. Allmählich festigt sich dann das Neue und trägt eine Frucht, die vorher nicht möglich war.

Das öffnet uns einen Blick in die Existenz des Christen. Wie vor der Sünde der Mensch aus dem Wohlgefallen Gottes lebte, so jetzt aus seiner Vergebung. Sie ist das beständig Strömende, das von ihm zu uns kommt. Er wird nicht müde, sie zu schenken. Es reut ihn nie, dass er sich zu ihr entschlossen hat.

Wir müssen die Vergebung immer neu annehmen. In dem Maße wir den Gedanken „Ich bin in der Schuld und lebe aus Gottes Vergebung“ ernst nehmen, kann auch der Trotz erwachsen: Wer darf mir das zumuten? Die Geschichte ist von Menschen voll, die so gesprochen und, aus dem tiefen Gefühl des Unrechts, neue Schuld darauf getürmt haben. Aus der Vergebung zu leben, bedeutet auch, sie stets neu zu erbitten. Sie ist nicht selbstverständlich; darf es auch für unser Gefühl nicht werden. Darum hat der Herr uns die fünfte Bitte gelehrt: Und vergib uns unserer Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Das bedeutet keinen Freibrief, tun zu dürfen, was wir mögen, im Gedanken: Wenn ich schon so ganz in der Schuld bin, kommt es auf eine Tat nicht mehr an… Wenn ich schon aus der Vergebung lebe, dann soll auch das und das hineingenommen sein… Wer so dächte, wäre nie in ihr gewesen. Wir müssen tun, was wir können. Uns bemühen und jeden Tag neu anfangen – wissend, dass wir in jedem Augenblick unseres Lebens aus Gottes Gnade bestehen.

Seit Jesus Christus sind wir erlöst, können wir befreit in jeden neuen Tag gehen. Er vergibt uns alle Schuld. Gottlob gibt es diesen Scherbelino wirklich, nicht nur als Trümmerberg in Stuttgart, sondern als Hügel Golgatha vor der Stadt Jerusalem. Dort, wo Jesus für unsere Sünden und Schwächen starb, kann man alle seine Scherben und Trümmer abladen und dann mit Vergebung und Heilung neu beginnen. Das Kreuz Jesus ist der Ort, an dem wir alles abladen können, der Scherbelino für eine ganze Menschheit, für mein persönliches Leben. Gott sei Dank. Die Sünden, die wir verbergen, werden immer wieder zum Vorschein kommen und den Lebensaufbau stören. So wie in der Josefsgeschichte, auch noch nach 17 oder mehr Jahren. Aber sie kamen zum Vorschein, sie wurden benannt und so konnte Veränderung geschehen. Die Sünden, die wir unter dem Kreuz abladen, sind wirklich verborgen und vergeben, darauf kann man ganz neu beginnen. Wir werden oft neu beginnen müssen. Gott vergibt uns nicht nur alle Schuld, mehr noch, er verspricht uns für uns zu sorgen, uns zu begleiten und zu erlösen. Gott trägt eine neue Gerechtigkeit ein. Sicher kann jeder dieses als Schwäche auslegen und munter in den alten Mustern weiterleben. Aber eine solche Begegnung mit IHM kann mich aus dem Alltagstrott herausholen, und mich das Leben ganz neu sehen lassen. Ein Stück des Reiches Gottes wird sichtbar, in dem so vieles ganz anders ist, in dem die Liebe und Gnade das Leben bestimmen. Wie schön ist es, wenn zumindest ein bisschen dieses Glanzes aus dem Reich Gottes hier auf die Erde fällt. Diese neue Gerechtigkeit Gottes eröffnet neue Horizonte und wir, die wir diese neue Gerechtigkeit erleben dürfen, werden dann auch dafür sorgen können, dass diese neue Gerechtigkeit im Zusammenleben eine Rolle spielt. Und diese hat Bestand, allen Modeerscheinungen und kurzlebigen Kicks zum Trotz, in die Ewigkeit hinein. Hier finden wir Halt, der auf wirklichen, beständigen Grund gebaut ist. Hier finden wir Orientierung, die bis ins kleinste Detail durchdacht. Weil ER keine Fehler macht, weil SEIN Weg gut, weil IHM an uns gelegen ist. Ich wünsche es uns, dass wir aus dieser Vergebung heraus unsere Beziehungen leben, unsere familiären Verhältnisse. Da kann ein Neuanfang entstehen, da können Verhärtungen aufbrechen, da kann neue Liebe in zerrütteten Verhältnissen entstehen, da ist neues Aufeinanderzugehen möglich.

AMEN.