
Jesus Christus spricht:
"Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
2. Kor. 12,9 (Jahreslosung 2012)
Vor einigen Monaten hatte ich einmal eine kurze Andacht verfasst mit dem Titel „Schwachsein erlaubt?“.
Genau daran musste ich mich erinnern, als ich die Jahreslosung 2012 betrachte. Schwache und Kranke passen nicht in unser modernes Weltbild. Wer schwächelt wird aussortiert. Wer Fehler begeht wird ausgegrenzt. 0 Fehler, 0 Toleranz führt auch bei Christen dazu, dass nur diejenigen eine Berechtigung in der Gemeinschaft haben, die alles richtig machen, die unfehlbar sind, die genug Glauben vorweisen können. Sie merken es? Ganz schön schwierig. Wer soll denn da noch glauben können? Und vor allem: wer entscheidet denn darüber, wer den wahren Glauben hat? Sind es nicht immer die lieben Mitchristen? Menschen entscheiden über Menschenleben!
Aber in der Bibel lesen wir zum Glück auch etwas über die Schwachen und Kranken: denn in diesen ist Gott mächtig. Denn in diesen zeigt sich die Liebe Gottes und die wahre Kraft wird deutlich.
Wenn man es umkehrt: in den Starken zeigt sich die Angst, die machen einem Angst – weil es die Superchristen sind, die sich den Glauben zurechtlegen und missbrauchen. Darauf angesprochen, kommen Ausreden und man weicht aus. Kein Mut, eigene Fehler zuzugeben, keine Spur von Gottes Liebe und keine Spur von Stärke zur Vergebung. Nein, denn der Andere ist schwach, der Andere hat Schwäche gezeigt und der Andere ist absolut unmöglich. Ein „no go“ für den Glauben, für die Gemeinschaft. Kein Wunder, dass man vor solchen „Christen“ Angst hat, denn wie soll Mann/Frau jemals an deren „Glaubensgröße“ heranreichen? Was sich in diesen Christen zeigt ist die eigene Angst vor dem Versagen. Der Glaube dieser „starken Christen“ ist der Glaube ihrer eigenen Angst. Ein Glaube der nur auf Angst basiert – nicht auf Liebe.
Schon von Kind auf wurde einem eingetrichtert „keinen Fehler zu machen“, immer brav zu sein, nicht zu weinen, stark zu sein, zu Lernen und zu gehorchen, nach dem Besseren zu streben, Leistung zu bringen. Ich bin überzeugt, dass jeder schon so etwas Ähnliches gehört hat: von den eigenen Eltern, den Lehrern, den Freunden, vom Vorgesetzten. Kein Wunder dass das dann dazu führt, dass wir eigentlich Schwachheit ablehnen. Es hat keinen Platz in unserem Leben. Denn wenn wir schwach sind, dann laufen wir Gefahr ausgegrenzt zu werden – nicht mehr dazuzugehören. So ist unser Weltbild von Gut und Böse, stark und schwache entstanden und die ganzen Ängste, die mit dem Schwachsein und dem Versagen verbunden sind. Unser Glaube beinhaltet gerade diese Angst und diese Angst beeinflusst unser Handeln.
Ich rede hier aber auch nicht von den Christen und Nichtchristen, nein ich meine gerade diejenigen Christen, die keine Schwachheit beim anderen zulassen können, die verurteilen und ausgrenzen. Diejenigen handeln nicht mehr aus dem Glauben heraus, sondern aus ihrer kindlichen Angst verurteilt zu werden.
Jeder muss sich einmal an die eigene Nase fassen und überlegen inwiefern wir Schwäche zulassen, tolerieren – oder ob wir das nicht (zumindest insgeheim) verurteilen? Stolpern wir nicht selbst über unsere Verurteilung in Bezug auf die Schwachheit des anderen? Sehen wir nicht immer den Splitter bei dem anderen, aber den eigenen Balken sehen wir nicht? Bist Du tatsächlich so stark? Wie zeigt sich Dein Glaube?
Jesus ist auf die Schwachen, Ausgestoßenen und von der Gesellschaft Verurteilten zugegangen. Die anderen haben sich darüber empört. Aber ihm war es ein Herzensanliegen. Jesus zeigte nicht Deine Maßstäbe von 0-Liebe, 0-Toleranz, 0-Mitleid, nein bei Jesus sind auch die Schwachen noch was wert.
Du magst anderer Schwachheiten verurteilen – aber Gott hat andere Maßstäbe und Gedanken. Und genau so ein anderer Maßstab, der unserer eigenen Erfahrung und Weltbild so entgegensteht zeigt sich in dieser Jahreslosung 2012.
Quelle: Praxis Jugendarbeit (mit freundlicher Genehmigung) |